Gleich zwei spannende Themen beherrschten den diesjährigen Fischgipfels am 20.3.2019: „No Deal“-Brexit – Konsequenzen für die deutsche Fischwirtschaft?“ und „Bremerhavener Hochschule erste Start-Up-Schmiede“. Rund 150 Mitglieder und Gäste waren gekommen. Moderiert wurde der Fischgipfel von Werner D. Prill.

Über den Brexit wurde bereits auf dem vorjährigen Gipfel intensiv diskutiert. Eigentlich wollten die Briten zum 29.3. aus der Europäischen Union (EU) austreten. Doch nachdem der ausgehandelte Vertrag zweimal im Unterhaus durchfiel, droht ein ungeordnete Brexit. Politisch ein Brandbeschleuniger für die Fischwirtschaft. Dr. Uwe Richter, Vorsitzender des Deutschen Hochseefischereiverbandes und zugleich Geschäftsführer der Bremerhavener Doggerbank Seefischerei und der Sassnitzer Euro Baltic Fischverarbeitung fürchtet den Verlust von 50000 Tonnen Heringe.

Soll heißen: Werden die Fanggründe in der 200-britischen Seemeilen-Zone vollständig gesperrt, wären 100 Prozent der deutschen Heringsquote futsch. 500 Arbeitsplätze in der Hochseefischerei und 1.000 Arbeitsplätze in der Fischverarbeitung ebenfalls. Noch hofft Richter auf einen Ausgleich. Denn bei einem No-Deal-Brexit verlieren die Briten rund 41 Prozent ihrer Importe (30 Prozent aus der EU und 11 Prozent aus Freihandelsverträgen).

„Was das Vereinigte Königreich macht, ist schwer verständlich“, sagt Felix Ahlers, Vorstandsvorsitzender der Bremerhavener Frosta AG. Die Briten sind traditionell auf Kabeljau programmiert. Hering, Seelachs und Makrele müssen exportiert werden. Dafür brauchen die Briten die EU, genauso, wie die EU die Briten. Eine vertrackte Loose-Loose-Situation. Frosta habe diverse Verhandlungen mit Engländern geführt. Zur Natur der Inselbewohner gehöre, „das listige Ausreizen vermeintlicher Vorteile“. „Erst in letzter Minute“, so Ahlers, „lenken die Briten ein!“. Das brauche gute Nerven. Mit Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner streitet Ahlers über einen mit zwei Millionen Euro geförderten, kalorienarmen Kunstzucker. „Absurd ist das“, ärgert sich Ahlers. Genauso absurd, wie die fehlende Zusatzstoff-Deklaration bei der jüngst eingeführten „Lebensmittelampel“. Die nämlich müsste gesetzlich zwingend vorgeschrieben werden.

Fischereihafen-Chefin und Fischgipfel-Gastgeberin Petra Neykov informierte über die aktuelle Entwicklung des Hafens, mit rund 8.000 Beschäftigten und 400 Unternehmen. „Der Brexit“, so Neykov, „ist inzwischen ein Stück aus dem Tollhaus“. Gleichwohl gebe es bisher keine unmittelbaren Gefahren für die Arbeitsplätze im Fischereihafen. Man beobachte die derzeitige Entwicklung mit großer Aufmerksamkeit.

Im Juni diesen Jahres starten die Bauarbeiten zum dritten und letzten Bauabschnitt am Fischbahnhof. Künftig könne das Seefischkochstudio noch größere Veranstaltungen durchführen. Zur neuen Multifunktionalität gehören bewegliche Glaselemente für den Ausstellungsbereich. Das Café bekommt einen neuen Standort; für den Ausstellungsbereich und das Theater (TIF) ist ein zentralen Eingangsbereich geplant. Finanziert wird das 3,8 Millionen Euro-Projekt von der EU und dem Land Bremen.

Das zweite Thema des Fish-Summits gestalteten die Hochschule Bremerhaven (HS) und drei regionale Startup-Unternehmen. Prof. Dr. Michael Vogel freut sich über den ersten bundesdeutschen Studiengang für Start Upper. Damit sei Bremerhaven ganz weit vorn. In sechs Semestern Vollzeit-Studium, gründen Studententeams eigene Genossenschaften, beschaffen das Kapital, entwickeln passende Geschäftsideen und bewähren sich am Markt. Das Erlernen von „Wissen auf Vorrat“ ist damit passé, gefragt sei „Wissen nach Anwendung“. Heißt: Keine Vorlesungen, keine Klausuren. Abgeschlossen wird das GIF-Studium (Gründung, Innovation, Führung) mit einem Bachelor-of-Arts.

Großes Interesse fanden die Kurz-Vorstellungen der Startup-Unternehmen. Das Bremerhavener Unternehmen Harvest Republic produziert und vermarktet mit Erfolg hochwertige Molke von Weidekühen zu Bio-Protein-Shakes. Gründer und Geschäftsführer Hans-Henning Möller berichtete über zweistellige Zuwachsraten und die gute Resonanz der diät- und kohlehydratarmen Ernährung. Zielgruppe sind Bio-Märkte und Fitness-Studios.

Anna Brünner und Julie Maywald von der Bremer Aquapoonic-Farm Watertuun produzieren mit ihrem jungen Startup-Unternehmen hochwertigen Lebensmittel und zwar „dort, wo sie gegessen werden“. Das nachhaltige Wirtschaften mit Fisch und Gemüse“, so das Unternehmerinnen-Duo, „funktioniert relativ simpel über den Wasserkreislauf“. Die Ausscheidungen der Fische dienen als Nährstoffe für Pflanzen. Die Pflanzen reinigen das Wasser. Ausgeliefert wird das Gemüse mit dem Fahrrad. Die Aquaponic-Farm bekommt viel Anerkennung. Weiteres Wachstum ist geplant.

Dr. Ramona Bosse von der Hochschule Bremerhaven arbeitet für das Forschungsprojekt Mak-Pak. Unter diesem Label wird eine nachhaltige, marktreife Verpackungslösung aus Makroalgen für den Lebensmittelhandel (LEH) entwickelt. Drei Partner arbeiten zusammen: Die Hochschule Bremerhaven ist verantwortlich für die Leitung und Koordination. Das Alfred-Wegener-Institut (AWI) und die Fisch-Restaurantkette Nordsee identifizieren die passenden Rohstoffe, entwickeln und produzieren die Verpackungen. Nordsee kümmert sich zudem um das Verpackungsdesign und testet die Produkte in der Praxis. Zielgruppen der ess- und prob-lemlos entsorgbaren Verpackungen, sind der Außer-Haus-Verzehrbereich und das Imbiss-Segment. Im Februar nächsten Jahres sollen die Mak-Pak-Verpackungen marktreif sein. Das Projekt wird vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) gefördert.

Alles in allem fand der Fischgipfel 2019 breiten Zuspruch. Es gab keine Referate. Alle Themen wurden im unterhaltsamen Talk- und Diskussionsrunden präsentiert, kritisch hinterfragt und durch Video-Einspieler ergänzt. Der Presseklub arbeitet an diesem Konzept weiter. Das Datum für den Fischgipfel 2020 wird rechtzeitig bekannt gegeben.